2026: GEDANKEN ZUM NEUEN JAHR
Zum Jahresbeginn möchte ich auf die Pädagogik Paulo Freires zurückgreifen und an dieser Stelle einige Gedanken teilen.
Die ersten Tage des neuen Jahres lassen uns nicht auf ein gutes Jahr hoffen: Es startet mit Gewalt an vielen Orten in der Welt, mit Anschlägen, die jeglicher Vernunft entbehren. Man kann sich angesichts dieser Weltlage ohnmächtig fühlen.
Ich möchte deshalb versuchen, die Bedeutung von “Worten”, so wie sie Paulo Freire verstanden hat, für das neue Jahr hervorzuheben. Worte waren für Paulo Freire die Grundlage seines pädagogischen Handelns, durch die wir die Welt lesen lernen, um sie verändern zu können. Durch die sozialen Medien werden wir von Bildern überflutet. Können wir mit Worten noch etwas bewegen?
Vertraute Begriffe wie “Souveränität” werden in politische Handlungsanweisungen zu Annexion umgedeutet, anstatt Souveränität mit Kooperation zu assoziieren. “Sicherheit“ wird in beschleunigte Abschiebung umgedeutet, anstatt Sicherheit mit Gemeinwohl und Teilhabe in Zusammenhang zu bringen.
Es gibt weltweit unzählige Beispiele dieser Begriffsumdeutungen. Gleichzeitig bilden sich in der Politik immer mehr “Inseln” heraus, politische Machtzentren ohne gegenseitige Verpflichtung und Verantwortung.
Eine politische Kultur, in der Freiheit, Gerechtigkeit, Offenheit und gegenseitige Empathie zentrale Werte darstellen, lebt von zivilgesellschaftlichem Engagement. Doch wachsender Populismus und gesellschaftliche Polarisierung bedrohen dieses Engagement und verändern unsere politische Kultur. Wir erfahren eine zunehmende Verrohung des Diskurses, ausgrenzende, diskriminierende, unterdrückende und kolonisierende Worte rücken immer mehr in den Bereich des gesellschaftlich Sagbaren und sie nehmen im gesellschaftlichen und politischen Diskurs immer größeren Raum ein.
Es war einer der zentralen Gedanken Paulo Freires, dass wir die Wirklichkeit durch Worte erkennen, Worte sind es, die Sprache und Denken zusammenbringen. Wie können wir diese Einheit wieder aktiv würdigen und zu einem unverzichtbaren Bestandteil unseres Alltags werden lassen?
Grundlage für eine Zukunftsperspektive ist die Hoffnung, wie es Paulo Freire beschrieben hat und die daraus entstehende Zuversicht, dass wir gemeinsam die Zukunft gestalten können. Die Anerkennung aktiver verschiedenster Existenzen und somit die Akzeptanz von Pluralität sollte für uns im Alltag wie in allen gesellschaftlichen Bereichen handlungsleitend sein .
Wenn Hannah Arendt in einen Dialog mit Paulo Freire getreten wäre, hätte sie wahrscheinlich erst einmal von einem “inneren Dialog” als Ausgangsbasis des Denkens gesprochen, als Selbstbetrachtung und Zwiesprache mit uns selbst. Denn nur durch das Gespräch mit uns selbst wird das Gewissen aktiviert.
Sie sah aber auch die Gefahr eines inneren Dialoges, der sich in “Dogmen” verfestigen kann, wenn man sich nicht der Reflexion und einer inneren Spannung aussetzt. Ein solcher innerer Dialog würde zu keiner Veränderung beitragen.
Hannah Arendt und Paulo Freire begriffen den Dialog mit den “Anderen” als einen demokratischen Verständigungsprozess. Für uns als Pädagog*innen bedeutet das eine radikale Anerkennung von “Diversität” in unserer Gesellschaft. Es erfordert von uns eine innere Bereitschaft zu pluralem Denken, um Empathie, Vertrauen und Solidarität in unserem Alltag und pädagogischen Handeln leben zu können.
Grenzüberschreitendes Denken ist heute mehr denn je eine Herausforderung. Sie ist anstrengend aber gemeinschaftsfördernd, denn sie verweigert sich dem “Nicht-Denken” und ermöglichst stattdessen innere Bewegung zur Überprüfung des eigenen Denken und Handelns.
Ich wünsche allen Paulo Freire-Bewegten ein gutes und produktives Jahr 2026.
Januar 2026
Ursula Klesing-Rempel
Vorstandsvorsitzende Paulo Freire Gesellschaft e.V.
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NOTIZEN ZUM 104. GEBURTSTAG VON PAULO FREIRE
Am 19. September 2025 wäre Paulo Freire 104 Jahre alt geworden.
Welche Bedeutung die Pädagogik Paulo Freires für unser pädagogisches Handeln auch heute noch hat, zeigt sich mit aller Dringlichkeit im gegenwärtigen Zustand unserer Welt, in der die Kommunikation in den sozialen Medien wie auch im alltäglichen Umgang von Polarisierung, Hass, Rassismus und Diskriminierung geprägt ist.
Der Dialog ist nur eines von Freires Kernkonzepten des pädagogischen Handelns: dem Anderen zuhören und auf horizontaler Ebene Argumente austauschen. Dies ist eine Fähigkeit, die in der Öffentlichkeit zunehmend aus dem Blickwinkel gerät.
Seine unvergessenen pädagogischen Konzepte wie Kultur des Schweigens, Autonomie, Bewusstseinsbildung, Empathie mit dem Anderen und Hoffnung, um nur einige zu nennen, gehören ins Zentrum der zwischenmenschlichen Kommunikation. Sie können kontinuierlich Anlässe für neue Gedankenanstöße und Neugier dem “Anderen” gegenüber eröffnen.
Wir brauchen eine neue Qualität des inneren bewusstseinskritischen Handelns auf Grundlage Paulo Freires konsequenter Haltung gegenüber autoritären Strukturen. Freires lebenslange geistige Autonomie bleibt weiterhin Vorbild für eine qualitativ kritische Pädagogik.
19. September 2025
Ursula Klesing-Rempel
Vorstandsvorsitzende Paulo Freire Gesellschaft e.V.
Im Januar 2024 jährt sich zum dritten Mal der Todestag unserer Freundin, Kollegin und Mentorin Ilse Schimpf-Herken, Gründerin und Direktorin des Paulo Freire Institut Berlin und langjährige Vorstandsvorsitzende der Paulo Freire Gesellschaft e.V.
Am 6. Januar 2021 ging Ilse von uns, nach einer langen Krankheit, der sie sich viele Jahre mit der ihr ganz eigenen Lebenskraft entgegengestellt hatte.
Aus vielen Teilen der Welt, insbesondere aus Lateinamerika, haben uns Nachrichten und Erinnerungen erreicht von den vielen, vielen Menschen, mit denen Ilse ein Stück ihres Weges geteilt hat und deren Leben sie berührt hat. Ihre Worte geben einen Einblick, was sie mit Ilse erlebt und gelernt haben und zeigen, wie ihr Wirken fortwirkt.
"Denkt immer daran, dass sich die Raupe in einen wunderschönen, fliegenden Schmetterling verwandelt, der mit seinen zarten Flügeln jede Person und jeden Ort verwandeln kann."
Ilse Schimpf-Herken
Recuerdos de Ilse – Erinnerungen an Ilse
Nachruf der Freund*innen und Kolleg*innen aus PFG und PFI für Ilse Schimpf-Herken
Interview zur Praxis der Freire-Pädagogik
Im Rahmen des Projekts Allendes Internationale ist dieses lebensgeschichtliche Interview mit Ilse Schimpf-Herken über die Arbeit mit der von Paulo Freire inspirierten Pädagogik in Chile entstanden.
Hier finden sich Initiativen, Bildungsmaterialien und andere Webseiten, die wir weiterempfehlen möchten:
Empowering Diversity – Pasquale Virginie Rotter
Beratung und Training im Bereich Diversity, Migration, Anti-Diskriminierung, Empowerment und Bewegung.
Hier ein sehr lesenswerter kleiner Text von Pasquale Virginie Rotter:
Rassismuskritische Bildungsarbeit leben? 36 Dinge, die sie als weiße_r deutsche_r Bildungsarbeiter_in unbedingt machen sollten. Level 1.
Mangoes & Bullets / glokal e.V.
Materialien für rassismus- und herrschaftskritisches Denken und Handeln
With WINGS and ROOTS. Reimagine belonging
Dokumentarfilm und Bildungsprojekt zum Thema Zugehörigkeit und Migration in Deutschland und USA
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